Sportvorhersagen
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Kein Nachbar ist für österreichische Fußballfans so allgegenwärtig wie Deutschland — und kein Nachbar löst so ambivalente Gefühle aus. Die Deutschen sind der Maßstab, an dem sich der ÖFB seit Jahrzehnten misst, das Schreckgespenst vergangener Turniere und gleichzeitig das Labor, aus dem Rangnicks Pressing-Philosophie stammt. Wenn Deutschland bei der WM 2026 in Gruppe E auf Kürasao, die Elfenbeinküste und Ecuador trifft, klingt das nach einer Pflichtaufgabe für einen vierfachen Weltmeister. Aber seit dem Desaster bei der WM 2018, dem erneuten Gruppenaus 2022 und dem bitteren Heim-EM-Aus 2024 gegen Spanien weiß jeder: Pflichtaufgaben und der DFB — das ist eine komplizierte Beziehung.
Was bleibt vom EM-Aufschwung — und was war nur Heim-Euphorie?
Im Sommer 2024 spielte Deutschland bei der Heim-EM den besten Fußball seit einem Jahrzehnt. Das 5:1 gegen Schottland im Eröffnungsspiel, die spielerische Leichtigkeit in der Gruppenphase, das emotionale Viertelfinale gegen Spanien — für ein paar Wochen glaubte ein ganzes Land, dass der DFB endlich wieder auf dem richtigen Weg ist. Dann kam das Aus im Viertelfinale, ein Handelfmeter in der Verlängerung, und die Euphorie verwandelte sich in die übliche deutsche Grundskepsis.
Zwei Jahre später ist die entscheidende Frage: Wie viel von diesem EM-Aufschwung war echt — und wie viel war der Effekt von 50.000 deutschen Fans in jedem Stadion, kurzen Anreisewegen und dem emotionalen Schub eines Heimturniers? Die Daten sprechen eine gemischte Sprache. In den 18 Monaten seit der EM hat Deutschland 14 Spiele bestritten, davon 9 gewonnen, 3 remis gespielt und 2 verloren. Das Torverhältnis von 31:12 ist solide, aber die Niederlagen — gegen die Türkei und die Niederlande in der Nations League — kamen gegen genau die Art von physisch starken, taktisch flexiblen Gegnern, die bei einer WM im Viertel- oder Halbfinale warten.
Der Heim-Effekt bei Fußballturnieren ist statistisch gut dokumentiert. Bei den letzten fünf Heim-EMs und Heim-WMs erreichte der Gastgeber mindestens das Viertelfinale — unabhängig von der tatsächlichen Kaderqualität. Frankreich 2016 und 1998, Südkorea 2002, Portugal 2004, Brasilien 2014 — sie alle profitierten von der Atmosphäre, der fehlenden Reisebelastung und dem psychologischen Vorteil. Deutschland hatte diesen Vorteil bei der EM 2024 — und wird ihn bei der WM 2026 in den USA nicht haben. Die langen Flüge, die Zeitumstellung, die ungewohnten Klimabedingungen — das sind Faktoren, die den EM-Aufschwung relativieren. Nicht eliminieren, aber relativieren.
Für österreichische Wettfans ist der DFB relevant, weil Deutschland und Österreich auf derselben Turnierhälfte landen könnten — ein Achtel- oder Viertelfinale Deutschland vs. Österreich wäre ein realistisches Szenario, das die Medien in beiden Ländern bereits durchspielen. Und es ist relevant, weil die deutschen Quoten einen direkten Vergleichspunkt für die österreichische Einschätzung bieten: Wenn Deutschland als Geheimfavorit bei 12,00 gehandelt wird und Österreich bei 80,00, dann steckt in dieser Differenz eine Aussage über den Leistungsunterschied, die man kritisch hinterfragen sollte.
Nagelsmanns Ansatz: Hat Deutschland jetzt eine klare Spielidee?
Als Julian Nagelsmann im September 2023 den DFB übernahm, erbte er eine Mannschaft ohne Identität. Hansi Flicks Ansatz war gescheitert, die Spieler wirkten orientierungslos, und das Selbstverständnis einer Fußballnation lag in Trümmern. Zwei WM-Gruppenaus in Folge — das hatte es in der Geschichte des DFB nie gegeben. Was Nagelsmann seitdem aufgebaut hat, erinnert in Grundzügen an Rangnicks Arbeit mit Österreich — und das ist kein Zufall, denn Nagelsmann ist ein Rangnick-Schüler, der seine Karriere im Umfeld der Red-Bull-Philosophie begann. Aber wo Rangnick ein System um limitierte Spieler baut, hat Nagelsmann den Luxus, Weltklasse-Individualisten in ein kollektives Konzept einzubinden.
Deutschlands System unter Nagelsmann basiert auf ballorientiertem Pressing, schnellem Umschalten und einer flexiblen Grundordnung, die zwischen 4-2-3-1 und 3-4-2-1 wechseln kann. Der zentrale Unterschied zu Rangnicks Österreich liegt in der individuellen Qualität: Wo Österreich auf kollektive Intensität setzt, kann Deutschland auf Ausnahmespieler wie Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz zurückgreifen, die ein Spiel auch im Alleingang entscheiden können. Musialas Fähigkeit, in engsten Räumen Dribblings zu starten und Verteidiger stehenzulassen, ist auf WM-Niveau einzigartig — selbst im Vergleich mit Mbappé oder Vinicius Junior. Seine Statistiken der Saison 2025/26 — über 20 Tore und 15 Assists in allen Wettbewerben — unterstreichen, dass er nicht mehr nur ein Talent ist, sondern ein fertiger Weltklasse-Spieler.
Die taktische Herausforderung für Nagelsmann bleibt die Balance zwischen Kontrolle und Risiko. Bei der EM spielte Deutschland mutig nach vorne, kassierte aber auch Gegentore in Phasen, in denen die Absicherung fehlte. Das 2:0 im Viertelfinale gegen Spanien, das zum 1:2 nach Verlängerung wurde, illustriert das Problem: Deutschland dominiert 70 Minuten, lässt dann nach, und ein Weltklasse-Gegner bestraft das gnadenlos. Die xG-Daten (Expected Goals) der EM zeigten ein interessantes Muster: Deutschland lag in den eigenen xG-Werten auf Turnierbeste-Niveau, aber auch die gegnerischen xG waren höher als bei den anderen Halbfinalisten. Das bedeutet: Deutschland erzeugt viele Chancen, lässt aber auch viele zu. Bei einem WM-Turnier mit stärkerer Konkurrenz als in einer EM-Gruppe ist das ein Rezept für dramatische, aber nicht kontrollierbare Spiele.
Was mir als Analyst auffällt: Nagelsmann hat das Mittelfeld-Problem, das den DFB seit 2018 plagte, weitgehend gelöst. Mit Wirtz und Musiala als kreativem Duo hinter der Spitze hat Deutschland eine Doppelzehn, die es so seit Özil und Müller nicht mehr gab. Robert Andrich oder Joshua Kimmich dahinter als Absicherer, dazu die Außenbahnen mit Leroy Sané oder Serge Gnabry — das ergibt eine Offensivkraft, die in Europa nur von Frankreich und England übertroffen wird. Die Frage ist nicht, ob Deutschland Tore schießen kann. Die Frage ist, ob sie verhindern können, dass entscheidende Gegentore fallen — und die Antwort darauf ist nach zwei Jahren unter Nagelsmann immer noch: nicht zuverlässig.
Die Parallele zu Rangnicks Österreich ist für die österreichische Perspektive aufschlussreich. Beide Trainer kommen aus dem Red-Bull-Kosmos, beide setzen auf Pressing und schnelles Umschalten, beide haben einen pragmatischen Ansatz zur Defensive. Aber wo Rangnick mit einem limitierten Spielerpool arbeitet und seine Taktik auf Kollektivität optimiert, hat Nagelsmann das Luxusproblem, individuelle Weltklasse in ein System einzubinden, das eigentlich auf kollektive Intensität ausgelegt ist. Musiala ist kein Pressing-Spieler — er ist ein Dribbler, ein Kreativer, der Freiheiten braucht. Diese Freiheiten zu gewähren, ohne das Gleichgewicht des Teams zu zerstören, ist Nagelsmanns zentrale Herausforderung. Bei der EM gelang das in der Gruppenphase, scheiterte aber im Viertelfinale — und die WM wird zeigen, ob er die Lösung gefunden hat.
Kaderanalyse: Wo ist Deutschland Weltklasse, wo gibt es Lücken?
Die offensive Hälfte des deutschen Kaders ist zweifellos auf WM-Titelniveau. Musiala gehört zu den fünf besten Spielern der Welt, Wirtz hat sich beim Meistertitel mit Leverkusen und den folgenden Champions-League-Kampagnen als Big-Game-Player bewiesen, und Havertz liefert unter Arteta bei Arsenal eine Konstanz, die er bei Chelsea vermissen ließ. Dazu kommen Spieler wie Sané, der auf seiner besten Form unspielbar ist, und Niclas Füllkrug als klassischer Strafraumstürmer für Plan B. Die Bank ist stark besetzt — Deutschland kann bei Rückstand offensiv wechseln, ohne Qualität zu verlieren. Das ist ein Luxus, den bei dieser WM nur Frankreich und England in ähnlicher Form haben.
Im zentralen Mittelfeld hat sich Joshua Kimmich unter Nagelsmann neu erfunden. Statt als Rechtsverteidiger aufzulaufen, spielt er als tiefliegender Spielmacher — eine Rolle, die seinem Passspiel und seiner Spielübersicht deutlich mehr entspricht. Robert Andrich als physischer Sechser daneben gibt Kimmich die Freiheit, das Spiel zu lenken, ohne defensiv absichern zu müssen. Dieses Doppelsechs-Tandem funktioniert bei Leverkusen und im Nationalteam auf hohem Niveau, hat aber eine Schwachstelle: Gegen Mannschaften mit extremem Pressing — wie Rangnicks Österreich — können beide unter Druck geraten, weil keiner von ihnen ein klassischer Ballverteiler unter engstem Gegnerdruck ist.
Die Problemzone beginnt in der Innenverteidigung. Antonio Rüdiger bei Real Madrid ist Weltklasse — seine Erfahrung in Champions-League-Finals und seine physische Dominanz machen ihn zum Anker. Aber daneben? Jonathan Tah hat bei Leverkusen eine starke Phase, aber auf dem höchsten internationalen Niveau fehlt ihm manchmal die Geschwindigkeit gegen schnelle Stürmer. Nico Schlotterbeck bringt die Spielstärke mit, die Nagelsmanns System verlangt, aber auch die Fehleranfälligkeit, die in einem WM-Viertelfinale katastrophal enden kann. Die Außenverteidiger — ob David Raum, Robin Gosens oder Benjamin Henrichs — sind solide, aber keiner von ihnen ist ein Spieler, der ein WM-Halbfinale allein verteidigen kann. Im Vergleich zu Frankreichs Theo Hernández und Jules Koundé oder Englands Trent Alexander-Arnold und Ben Chilwell ist das ein spürbarer Qualitätsunterschied, der in der K.o.-Runde zum Karriereknick einer ganzen Generation werden kann.
Im Tor hat sich Marc-André ter Stegen als Neuer-Nachfolger etabliert — aber auch hier gibt es Fragezeichen. Ter Stegens schwere Knieverletzung 2024 wirft einen Schatten, und sein Comeback verläuft nicht ohne Rückschläge. Sollte ter Stegen nicht voll fit sein, steht mit Oliver Baumann ein guter, aber nicht überragender Bundesliga-Torwart bereit. In einem Turnier, bei dem ein einzelner Torwartfehler über Weiterkommen und Ausscheiden entscheiden kann, ist das eine Schwachstelle, die die Quoten nur bedingt einpreisen.
Gruppe E: Klarer Favorit — oder Stolpergefahr gegen Ecuador?
Gruppe E — Kürasao, Elfenbeinküste, Ecuador — liest sich wie eine Pflichtaufgabe. Kein europäischer Rivale, kein südamerikanischer Topgegner, kein afrikanischer Titelkandidat vom Kaliber Marokkos. Deutschland sollte diese Gruppe souverän gewinnen und dabei den Kader für die K.o.-Runde warmschießen. Aber genau das dachte man auch vor der WM 2018 (Gruppe mit Mexiko, Schweden, Südkorea — Letzter) und der WM 2022 (Gruppe mit Japan, Spanien, Costa Rica — Letzter). Zweimal hintereinander in der Gruppenphase ausgeschieden — das ist ein Trauma, das Nagelsmann nicht ignorieren kann und das in jeder Pressekonferenz mitschwingt.
Die Parallelen zur WM 2018 sind für Analysten besonders lehrreich. Auch damals hatte Deutschland eine Gruppe, die auf dem Papier lösbar war. Auch damals kam das Team als amtierender Weltmeister mit hohen Erwartungen. Und auch damals gab es einen Trainer — Joachim Löw —, der auf der Erfolgswelle des vorherigen Turniers ritt, ohne die Warnsignale zu beachten. Nagelsmann ist nicht Löw, und 2026 ist nicht 2018, aber das strukturelle Risiko ist ähnlich: Ein deutsches Team, das sich in der Gruppenphase sicher fühlt, ist ein verwundbares deutsches Team.
Ecuador ist der gefährlichste Gegner in dieser Gruppe. Die Südamerikaner haben sich unter Trainer Félix Sánchez Bas zu einer taktisch disziplinierten Mannschaft entwickelt, die physisch robust ist und im Konter gefährlich werden kann. Bei der WM 2022 beeindruckte Ecuador in der Gruppenphase mit einem 2:0 gegen Katar und einem starken Auftritt gegen Senegal, bevor sie knapp gegen die Niederlande ausschieden. Die aktuelle Generation um Moisés Caicedo, der sich bei Chelsea als einer der besten Sechser der Premier League etabliert hat, und Kendry Páez, das 18-jährige Wunderkind, hat das Potenzial, Deutschland echte Probleme zu bereiten — besonders wenn Nagelsmann dieses Spiel als Pflichtübung betrachtet.
Die Elfenbeinküste bringt Afrika-Cup-Qualität mit — schnelle Flügelspieler, physische Mittelfeld-Präsenz und die Unberechenbarkeit, die afrikanische Teams bei WM-Turnieren gefährlich macht. Als amtierender Afrika-Cup-Sieger kommen sie mit dem Selbstvertrauen einer Mannschaft, die weiß, wie man Turniere gewinnt. Spieler wie Simon Adingra und Franck Kessié sind in europäischen Topligen ausgebildet und kennen den Druck großer Bühnen. Kürasao hingegen ist der klassische WM-Debütant, der Erfahrung sammeln wird — eine leichte Aufgabe für Deutschland, die aber auch die Gefahr birgt, dass das Team nach einem lockeren Auftaktsieg die Intensität im zweiten Spiel verliert.
Für Wettfans sind die Deutschland-Gruppenwetten wenig attraktiv. Gruppensieg-Quoten unter 1,35 bieten keinen Value, und das Risiko eines Ausrutschers — so klein es sein mag — ist bei Deutschland historisch belegt. Interessanter ist der Markt „Deutschland gewinnt die Gruppe mit 9 Punkten“ zu Quoten um 3,00 — ein Markt, der Nagelsmanns Fokus auf die Gruppenphase nach den Debakeln der vergangenen Jahre widerspiegeln könnte. Die psychologische Komponente ist hier entscheidend: Nagelsmann weiß, dass ein weiteres Gruppenaus seine Karriere als DFB-Trainer beenden würde — und dieses Wissen dürfte sich in maximaler Konzentration ab dem ersten Spieltag niederschlagen.
Die Elfenbeinküste verdient als Gegner eine genauere Betrachtung. Als amtierender Afrika-Cup-Sieger kommen die Ivorer mit dem Selbstbewusstsein eines Teams, das bei seinem Heimturnier unter extremem Druck einen Titel gewonnen hat — eine Erfahrung, die bei einer WM Gold wert ist. Sébastien Haller, der nach seiner Krebserkrankung ein bemerkenswertes Comeback gefeiert hat, bringt Bundesliga-Erfahrung mit, und Simon Adingra auf dem Flügel hat die Geschwindigkeit, die Deutschlands Innenverteidigung vor Probleme stellen kann. Das Spiel Deutschland vs. Elfenbeinküste könnte das taktisch interessanteste der deutschen Gruppenphase werden — und gleichzeitig das Spiel, bei dem die „Unter 2,5 Tore“-Wette am meisten Sinn macht, weil beide Teams defensiv diszipliniert agieren und den Kontrahenten nicht unterschätzen werden.
Die Standardsituationen könnten für Deutschland bei dieser WM zum unterschätzten Vorteil werden. Kimmichs Ecken und Freistöße sind auf dem Niveau der besten Schützen Europas, und mit Rüdiger, Schlotterbeck und Havertz stehen drei kopfballstarke Abnehmer im Strafraum. Bei der EM 2024 erzielte Deutschland zwei seiner zehn Tore durch Standards — eine Quote, die unter dem Turnierdurchschnitt lag und Verbesserungspotenzial zeigt. Wenn die Standardarbeit in der WM-Vorbereitung den erhofften Sprung macht, könnte dieser Bereich die fehlenden Prozentpunkte liefern, die Deutschland vom Halbfinale zum Finale tragen.
Deutschland-Quoten: Zu hoch, zu niedrig oder genau richtig?
Bei einem Tennisspieler würde man von „Formkurve“ sprechen — bei Deutschland ist es eher eine Sinuskurve. Die Quoten auf den WM-Titel schwanken zwischen 10,00 und 14,00, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von 7 bis 10 Prozent entspricht. In meiner Analyse liegt Deutschland damit im realistischen Bereich, aber am oberen Rand. Das bedeutet: Die Quoten sind fair, aber nicht großzügig. Wer auf Deutschland wettet, zahlt einen „Heim-EM-Aufschlag“, der nach dem starken Turnier 2024 die Wahrnehmung aufgewertet hat — ohne dass die Ergebnisse danach diesen Aufschlag vollständig rechtfertigen.
Ein interessantes Phänomen bei den Deutschland-Quoten ist der „Musiala-Effekt“. Ähnlich wie bei Argentinien mit Messi gibt es bei Deutschland einen einzelnen Spieler, dessen Marktwahrnehmung die Gesamtquote nach unten drückt. Musiala gilt als einer der aufregendsten Spieler dieser WM, und die Wettöffentlichkeit assoziiert seine individuelle Brillanz mit Deutschlands Titelchancen. Aber ein WM-Titel wird nicht von einem Spieler gewonnen — er wird von einer Mannschaft gewonnen, die in allen Teilen funktioniert. Und genau da liegt Deutschlands Problem: Die Kluft zwischen offensiver Weltklasse und defensiver Mittelmäßigkeit ist bei keinem anderen Turnierfavoriten so groß.
Der Vergleich mit dem nächsten Nachbarn ist aufschlussreich. Österreich wird bei 80,00 bis 100,00 gehandelt, Deutschland bei 10,00 bis 14,00 — ein Faktor von acht bis zehn. Ist Deutschland wirklich acht- bis zehnmal so wahrscheinlich Weltmeister wie Österreich? Die Kaderqualität spricht dafür, die Turniererfahrung ebenfalls. Aber die beiden WM-Gruppenaus und Nagelsmanns fehlende K.o.-Runden-Erfahrung bei Turnieren sprechen dagegen. Ich würde den fairen Faktor eher bei sechs sehen — was bedeutet, dass entweder Österreich leicht unterbewertet oder Deutschland leicht überbewertet ist. Für analytische Wettfans ergibt sich daraus keine klare Handlungsempfehlung, aber ein Denkanstoß: Die Quoten-Differenz zwischen Deutschland und Österreich ist größer, als die taktische und spielerische Differenz es rechtfertigt.
Wo ich Value sehe: Der Markt „Deutschland erreicht das Halbfinale“ zu Quoten zwischen 3,00 und 3,50. Mit der leichten Gruppenphase, einem wahrscheinlich machbaren Achtelfinalgegner und der offensiven Qualität, die ein Viertelfinale gewinnen kann, ist ein Halbfinaleinzug das plausibelste Positivszenario für den DFB. Darüber hinaus — Finale oder Titel — wird es spekulativ, weil Deutschlands Defensivschwächen gegen absolute Topgegner zum Problem werden dürften. Ein Halbfinale gegen Frankreich oder England mit Musialas Offensivpower gegen Koundés Defensive wäre ein faszinierendes Duell — aber eines, das Deutschland nicht sicher gewinnt.
Für das Einzelspiel-Segment sind die Ecuador- und Elfenbeinküste-Partien die interessantesten. „Deutschland gewinnt mit mehr als 2 Toren Differenz“ gegen Kürasao dürfte bei Quoten um 1,80 liegen — ein Markt, der die offensive Überlegenheit gegen den WM-Debütanten aus der Karibik fair widerspiegelt. Gegen Ecuador erwarte ich dagegen ein enges Spiel, in dem die „Unter 2,5 Tore“-Linie bei 2,00 oder höher attraktiv sein könnte. Ecuador verteidigt diszipliniert und wird versuchen, das Spiel eng zu halten — eine Strategie, die gegen technisch stärkere Gegner oft funktioniert, solange kein frühes Gegentor fällt.
Die Spieler-Wetten bieten bei Deutschland überdurchschnittliches Potenzial. Musiala als Torschütze bei mindestens zwei WM-Spielen dürfte bei Quoten um 2,50 liegen — angesichts seiner aktuellen Torgefahr bei Bayern und seiner zentralen Rolle im Offensivspiel ein Markt, der analytisch fair erscheint, aber den WM-Faktor möglicherweise unterbewertet. Florian Wirtz als WM-Durchstarter ist ein spekulativerer Markt — seine Quoten auf den WM-Torschützenkönig liegen bei 20,00 bis 25,00 und spiegeln die Tatsache wider, dass er kein klassischer Torjäger ist, sondern ein Zehner, der gelegentlich trifft. Aber bei einem Turnier mit sieben potenziellen Spielen und einer offensiven Rolle, die Tore begünstigt, ist 25,00 ein Preis, der für spekulative Wettfans attraktiv sein könnte.
Der große Nachbar: Was die DFB-Analyse für österreichische Wettfans bedeutet
Deutschland bei der WM 2026 ist ein Team im Übergang — nicht mehr die Baustelle von 2022, aber auch noch nicht die fertige Maschine, die Titel gewinnt. Nagelsmann hat das Fundament gelegt, die offensive Qualität ist unbestritten, aber die defensiven Fragen sind unbeantwortet. Die EM 2024 hat gezeigt, dass dieses Team in einem guten Umfeld brillieren kann — ob es das auch unter den erschwerten Bedingungen einer WM in den USA kann, bei Temperaturen jenseits der 35 Grad und Reisedistanzen von tausenden Kilometern zwischen den Spielorten, ist die entscheidende Unbekannte.
Für österreichische Wettfans hat das praktische Relevanz: Sollte das ÖFB-Team die Gruppenphase überstehen, wäre ein Aufeinandertreffen mit Deutschland im Achtel- oder Viertelfinale ein Szenario, auf das man sich vorbereiten sollte — taktisch und wetttechnisch. Rangnick kennt die deutschen Spieler besser als jeden anderen Gegner, und sein Pressing ist genau die Art von System, die Nagelsmanns Mannschaft in der Nations League Probleme bereitet hat.
Ein Aspekt, der die deutsche WM-Kampagne maßgeblich beeinflussen wird, ist die Belastungssteuerung. Die Bundesliga-Saison 2025/26 endet nur wenige Wochen vor dem Turnier, und Schlüsselspieler wie Musiala, Wirtz und Kimmich werden eine Champions-League-Kampagne in den Knochen haben. Nagelsmann muss entscheiden, ob er seine besten Spieler von Anfang an einsetzt und das Risiko der Überlastung akzeptiert, oder ob er in der Gruppenphase rotiert und damit das Risiko eines Ausrutschers in Kauf nimmt. Bei einem Trainer, der nach zwei WM-Gruppenaus seiner Vorgänger unter enormem Druck steht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er die Stammelf von Beginn an aufbietet — was die Gruppensieg-Chancen erhöht, aber die Frische für die K.o.-Runde reduziert.
Die zentrale Erkenntnis dieser Analyse ist, dass Deutschlands Quoten den EM-Aufschwung einpreisen, aber die strukturellen Schwächen — Innenverteidigung, Torwart-Unsicherheit, K.o.-Runden-Nerven nach zwei WM-Gruppenaus — unterschätzen. Ein Halbfinale ist realistisch, ein Titel ist möglich, aber beides ist weniger wahrscheinlich, als die Quoten suggerieren. Wer analytisch wettet, findet bei einem direkten Vergleich der WM-Quoten bessere Optionen als den deutschen WM-Titel — etwa in den Nischenmärkten rund um die Gruppenphase und die ersten K.o.-Spiele.