Analyse der brasilianischen Nationalmannschaft und ihrer WM-2026-Chancen

Brasilien bei der WM 2026: Sehnsucht nach dem 6. Stern — oder weiter in der Krise?

Sportvorhersagen

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23 Jahre ohne WM-Titel. Für jedes andere Land wäre das eine akzeptable Durststrecke — für Brasilien ist es eine nationale Identitätskrise. Die Seleção, fünfmaliger Weltmeister, Synonym für offensiven Spektakelfußball, hat seit 2002 keinen WM-Pokal mehr in Händen gehalten. Bei der WM 2022 in Katar schied Brasilien im Viertelfinale gegen Kroatien aus — im Elfmeterschießen, nach einer Führung, in einem Spiel, das sie hätten gewinnen müssen. Die Bilder der weinenden Neymar gingen um die Welt. Zwei Jahre später, bei der Copa América 2024, folgte das nächste Desaster: Aus im Viertelfinale gegen Uruguay. Das Muster ist unübersehbar: Brasilien scheitert nicht an mangelndem Talent, sondern an sich selbst. Für Wettanalysten ist das die relevanteste Information — denn sie bedeutet, dass die Quoten auf Brasilien systematisch zu niedrig sein könnten.

Der 6. Stern — Realistische Ambition oder nationaler Selbstbetrug?

In Brasilien gibt es ein Wort dafür, wenn die Erwartung die Realität übersteigt: „ilusão“ — Illusion. Und die Illusion des sechsten Sterns ist mächtiger als jede Datenanalyse. Jede brasilianische Generation wird mit dem Versprechen beladen, die Schmach der letzten gescheiterten WM zu tilgen. 2006 sollte Ronaldinho es richten — Brasilien schied im Viertelfinale aus. 2010 Kaká — Viertelfinale-Aus gegen die Niederlande. 2014 Neymar — das 1:7 gegen Deutschland, die größte Demütigung der brasilianischen Fußballgeschichte. 2018 und 2022 wieder Neymar — beide Male im Viertelfinale gescheitert. Fünf WM-Turniere, fünfmal spätestens im Viertelfinale ausgeschieden. Keiner hat den sechsten Stern geliefert — nicht weil sie schlechte Spieler waren, sondern weil das Gewicht der Erwartung ein Team erdrücken kann, das ohnehin unter Druck steht.

Die Daten untermauern die Skepsis. Brasiliens ELO-Rating, das die relative Stärke von Nationalmannschaften über Zeit misst, liegt aktuell auf dem niedrigsten Stand seit den 1990er Jahren. In der südamerikanischen WM-Qualifikation — traditionell der härteste Qualifikationsweg der Welt — belegte Brasilien nur den fünften Platz, mit sieben Niederlagen in 18 Spielen. Sieben Niederlagen — das hatte es in einer brasilianischen Qualifikation seit Jahrzehnten nicht gegeben. Die Formkurve zeigt nicht nach oben, sie stagniert bestenfalls. Und ein Team, das in der Qualifikation sieben Mal verliert, wird bei einer WM nicht plötzlich zum Titelkandidaten, nur weil auf dem Trikot „Brasil“ steht.

Der Vergleich mit den letzten erfolgreichen brasilianischen WM-Teams macht die Dimension der Krise deutlich. Die Weltmeister von 2002 — Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho, Cafu, Roberto Carlos — hatten in der Qualifikation keinen Moment des Zweifels, dominierten die Gruppe und marschierten durch das Turnier mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Fragen offenließ. Die aktuelle Generation hat in der Qualifikation gegen Paraguay verloren, gegen Kolumbien, gegen Uruguay — Teams, die Brasilien in seiner Blütezeit routiniert besiegt hätte. Der Unterschied liegt nicht nur in der individuellen Klasse, sondern in der kollektiven Überzeugung: Die Spieler von 2002 wussten, dass sie die Besten waren. Die Spieler von 2026 hoffen es bestenfalls. Und Hoffen ist im Turnierfußball eine schlechte Strategie — besonders wenn 200 Millionen Landsleute erwarten, dass man nicht hofft, sondern liefert.

Gleichzeitig hat Brasilien etwas, das man nicht mit Daten messen kann: die Aura. Der fünffache Weltmeister strahlt eine Autorität aus, die Gegner einschüchtert und eigene Spieler beflügelt. Bei WM-Turnieren ist Brasilien historisch stärker als in der Qualifikation — das gelbe Trikot hat eine eigene Magie, die sich in Turnierstatistiken niederschlägt. Seit 1990 hat Brasilien bei jeder WM mindestens das Viertelfinale erreicht (mit Ausnahme von 2022, wo sie ebenfalls im Viertelfinale ausschieden). Dieses Turnier-Gen ist real — aber die Frage ist, ob es einer Generation von Spielern innewohnt, die diese Tradition nicht mehr aus eigener Erfahrung kennt.

Neue Generation, alte Probleme? Brasiliens Kader im Stresstest

Neymar wird bei der WM 2026 — falls er überhaupt im Kader steht — 34 Jahre alt sein und kommt aus einer Phase schwerer Verletzungen. Seine Zeit als zentrale Figur der Seleção ist vorbei, auch wenn er das selbst anders sehen mag. Der Umbruch, den Brasilien seit der Copa América 2024 vollzieht, ist der schmerzhafteste in der jüngeren Geschichte des brasilianischen Fußballs: weg von der Neymar-Abhängigkeit, hin zu einem Team, das ohne einen einzelnen Superstar funktionieren muss.

Die neue Generation bringt Talent mit, aber wenig WM-Erfahrung. Vinícius Júnior bei Real Madrid ist der offensichtliche neue Anführer — Ballon-d’Or-Kandidat, Champions-League-Sieger, der schnellste und trickreichste Flügelspieler der Welt. Seine Saison 2025/26 bei Real — über 20 Tore und 15 Assists — unterstreicht, dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen ist. Aber Vinícius‘ Spielweise — extreme Individualität, hohe Risikopässe, emotionale Ausbrüche — funktioniert bei Real Madrid, wo er von einem eingespielten Mittelfeld abgesichert wird. Im Nationalteam, wo die Absicherung fehlt und der Druck anders ist, hat Vinícius bisher nicht die gleiche Dominanz gezeigt. Bei der Copa América 2024 blieb er blass — null Tore, zwei Assists, und eine Rote Karte im Viertelfinale, die seine emotionale Instabilität unter Druck offenlegte. Bei der WM 2022 war er gut, aber nicht der spielentscheidende Faktor, den Brasilien brauchte.

Rodrygo als zweiter Real-Madrid-Offensivspieler, Endrick als das 19-jährige Sturmjuwel, Raphinha bei Barcelona als Achter, Paquetá bei West Ham als Spielmacher — die individuelle Qualität ist vorhanden. Was fehlt, ist das, was Brasilien in der Vergangenheit auszeichnete: ein eingespieltes Mittelfeld, das den Rhythmus kontrolliert. Die Zeiten von Casemiro-Fernandinho oder Dunga-Mauro Silva sind vorbei, und kein aktueller brasilianischer Sechser spielt auf dem Niveau, das ein WM-Titel verlangt. Bruno Guimarães bei Newcastle ist die beste Option — technisch stark, spielintelligent, aber auf dem höchsten internationalen Niveau noch unbewiesen. Dieses Mittelfeld-Vakuum ist Brasiliens größte strukturelle Schwäche und der Grund, warum die Seleção trotz offensiver Brillanz regelmäßig in K.o.-Spielen scheitert.

Die Defensive hat sich unter dem neuen Trainer stabilisiert, aber nicht auf Weltklasseniveau. Marquinhos bei PSG ist der erfahrenste Innenverteidiger, daneben drängen jüngere Spieler wie Beraldo oder Bremer (falls fit) in den Kader. Die Außenverteidiger — traditionell eine brasilianische Stärke — sind mit Danilo (alternativ Vanderson) und Guilherme Arana solide besetzt, erreichen aber nicht das Niveau der legendären brasilianischen Außenverteidiger vergangener Generationen. Im Tor steht Alisson, wenn er fit ist — einer der besten Torhüter der Welt und Brasiliens größtes Einzelasset in der Defensive.

Was die Kaderbreite betrifft, hat Brasilien einen paradoxen Vorteil: Die Seleção kann auf über 30 Spieler in europäischen Topligen zurückgreifen, was theoretisch eine Tiefe ergibt, die nur Frankreich übertrifft. Aber Tiefe ohne Struktur ist wertlos. Der ständige Wechsel in der Startelf — in den 18 Qualifikationsspielen setzte Brasilien über 40 verschiedene Spieler ein — hat dazu geführt, dass keine Achse eingespielt ist. Zum Vergleich: Argentiniens Stammelf unter Scaloni ist seit drei Jahren weitgehend identisch, was eine Automatismen-Bildung ermöglicht, die Brasilien fundamental fehlt. Dieser Mangel an Eingespieltheit ist bei einem WM-Turnier, bei dem die Vorbereitungszeit auf wenige Wochen begrenzt ist, ein gravierendes Handicap. Man kann individuelle Qualität nicht in zwei Trainingswochen zu einem funktionierenden Kollektiv formen — das braucht Monate, die Brasilien nicht hatte.

Die Trainerfrage ist bei Brasilien immer auch eine Identitätsfrage. Jeder brasilianische Nationaltrainer steht unter dem Druck, nicht nur zu gewinnen, sondern schön zu gewinnen. Tite scheiterte nicht primär an schlechten Ergebnissen, sondern daran, dass sein pragmatischer Fußball als Verrat an der brasilianischen Tradition wahrgenommen wurde. Sein Nachfolger steht vor demselben Dilemma: offensiv spielen und die Defensive riskieren, oder defensiv absichern und den Zorn der Nation auf sich ziehen. Bei einer WM im Ausland, bei der der mediale Druck über soziale Medien in Echtzeit wirkt, ist dieses Identitätsdilemma mehr als eine philosophische Frage — es beeinflusst Aufstellungen und Spielpläne.

Gruppe C mit Marokko und Schottland: Schwerer als es aussieht?

Brasilien trifft in Gruppe C auf Marokko, Haiti und Schottland. Auf den ersten Blick eine lösbare Gruppe — auf den zweiten Blick eine Gruppe mit einem gefährlichen Gegner. Marokko hat bei der WM 2022 das Halbfinale erreicht und damit bewiesen, dass afrikanische Teams auf dem höchsten Niveau konkurrieren können. Die Nordafrikaner spielen unter dem gleichen Trainer, der sie ins Halbfinale führte — Walid Regragui —, und haben ihren Kader mit Spielern wie Achraf Hakimi, Youssef En-Nesyri und Azzedine Ounahi weiterentwickelt. Das Duell Brasilien vs. Marokko wird eines der attraktivsten Gruppenspiele des gesamten Turniers.

Schottland bringt die physische Intensität und den Kampfgeist mit, der britische Teams bei Turnieren gefährlich macht — auch wenn die individuelle Qualität weit unter Brasiliens Niveau liegt. Die Schotten spielen unter Steve Clarke ein kompaktes 5-3-2, das auf Konter und Standardsituationen setzt. Bei der EM 2024 scheiterte Schottland zwar in der Gruppenphase, aber die Leistungen gegen Deutschland und die Schweiz zeigten, dass das Team gegen Topnationen konkurrieren kann — zumindest über 60 bis 70 Minuten. Haiti ist der Außenseiter der Gruppe und wird Erfahrungen sammeln, aber kaum Punkte holen.

Für Brasilien ist das Eröffnungsspiel gegen den schwächsten Gruppengegner ideal, um Selbstvertrauen aufzubauen — aber nur, wenn sie souverän gewinnen. Ein holpriger Start, wie er Brasilien in den letzten Qualifikationsspielen oft passierte, könnte die Nerven strapazieren und den Druck auf das entscheidende Marokko-Spiel erhöhen. Das dritte Gruppenspiel gegen Schottland dürfte dann über den Gruppensieg entscheiden — und ein Szenario, in dem Brasilien mit vier Punkten und nur dem zweiten Platz ins Achtelfinale geht, ist realistischer, als die meisten brasilianischen Fans es wahrhaben wollen.

Aus Wettsicht ist Gruppe C eine der interessantesten des Turniers. Brasiliens Gruppensieg-Quoten bei 1,50 bis 1,65 sind überraschend hoch für einen fünffachen Weltmeister — ein Signal, dass die Buchmacher die aktuelle Formkrise einpreisen. Marokkos Quoten auf den Gruppensieg bei 4,00 bis 5,00 zeigen, dass die Nordafrikaner als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen werden. Für Value-Wettfans ist der Markt „Marokko qualifiziert sich“ zu Quoten um 1,80 interessant — die Daten sprechen dafür, dass Marokko mindestens Gruppenzweiter wird, was in einer Gruppe mit Brasilien, Schottland und Haiti durchaus realistisch ist.

Ein oft übersehener Aspekt der Gruppenphase ist die Reihenfolge der Spiele. Brasilien eröffnet gegen Haiti — ein Muss-Sieg, der keine Debatte zulässt. Aber die eigentliche taktische Herausforderung liegt im Übergang vom Haiti-Spiel zum Marokko-Spiel: Wie stellt der Trainer um von einer Partie, in der Brasilien 70 Prozent Ballbesitz haben wird, zu einem Duell gegen ein Team, das aktiv den Ball abgibt und auf Konter lauert? Dieser taktische Bruch innerhalb weniger Tage hat bei vergangenen Turnieren schon manchen Favoriten aus dem Konzept gebracht. Italien 2014 ist das Paradebeispiel: Souverän gegen den Außenseiter, dann taktisch überrumpelt vom physisch starken Gegner im zweiten Spiel. Brasiliens Trainer muss diesen Übergang managen — und ob er das kann, ist die offene Frage, die kein Qualifikationsspiel beantwortet hat.

Joga Bonito oder Pragmatismus — Welches Brasilien kommt zur WM?

Die romantische Vorstellung von Brasilien als der Mannschaft, die mit Samba-Rhythmus und offensiver Freude den Gegner überrollt, existiert nur noch in Highlight-Videos auf YouTube. Das moderne Brasilien spielt seit der WM 2006 einen zunehmend pragmatischen Fußball — kompakte Defensive, schnelles Umschalten, Abhängigkeit von individuellen Momenten in der Offensive. Trainer wie Tite haben diesen Wandel vorangetrieben, mit dem Argument, dass der internationale Fußball keine romantischen Spielkonzepte mehr belohnt. Das Ergebnis ist paradox: Brasilien spielt europäischer als je zuvor, aber weniger erfolgreich als in der Ära des Joga Bonito. Die WM-Titel 1994 und 2002 wurden mit einer Mischung aus individueller Brillanz und taktischer Disziplin gewonnen — eine Balance, die seit 20 Jahren nicht mehr gefunden wurde.

Der aktuelle Trainer steht vor einem Dilemma: Spielt er offensiv und riskiert die defensive Instabilität, die Brasilien in der Qualifikation sieben Niederlagen einbrachte? Oder sichert er defensiv ab und riskiert, dass die offensiven Talente — Vinícius, Rodrygo, Endrick — ihr Potenzial nicht entfalten können? Die Copa América 2024 unter dem damaligen Trainer zeigte, dass keiner der beiden Ansätze funktioniert, wenn das Mittelfeld die Verbindung zwischen Abwehr und Angriff nicht herstellt. Ein Mittelfeldproblem ist bei einer WM besonders gravierend, weil die Spiele taktisch enger sind als in der Qualifikation und die Gegner das Zentrum konsequenter kontrollieren. Gegen Marokko, das bei der WM 2022 genau diese Mittelfeldkontrolle zu einer Waffe machte, könnte Brasiliens strukturelle Schwäche zum spielentscheidenden Faktor werden.

Für Wettanalysten hat das konkrete Implikationen: Brasiliens Spiele bei der WM werden wahrscheinlich torärmer ausfallen als viele erwarten. Die „Über 2,5 Tore“-Quote bei Brasilien-Spielen dürfte bei attraktiven 2,00 oder höher liegen, weil die breite Öffentlichkeit Brasilien mit Torfestivals assoziiert. Die Realität der letzten Jahre — bei der WM 2022 fielen in Brasiliens fünf Spielen durchschnittlich 2,6 Tore, bei der Copa 2024 nur 1,75 — spricht eher für taktisch geprägte Begegnungen mit wenigen Toren.

Das Identitätsproblem geht tiefer als die Taktik. Brasiliens Nachwuchssystem produziert nach wie vor technisch brillante Spieler — aber die europäischen Akademien, in die sie mit 16 oder 17 Jahren wechseln, formen sie zu funktionalen Profis statt zu kreativen Individualisten. Vinícius ist das beste Beispiel: In Brasiliens Straßenfußball sozialisiert, aber bei Real Madrid zu einem Spieler geformt, der im System funktioniert statt Systeme zu sprengen. Der brasilianische Fußball verliert seine Einzigartigkeit nicht auf dem Platz, sondern in den Jugendakademien Europas — und dieser Prozess ist irreversibel. Für die WM 2026 bedeutet das: Brasilien wird spielen wie ein starkes europäisches Team, nicht wie die Seleção vergangener Jahrzehnte. Und gegen die besten europäischen Teams — die das Gleiche tun, aber besser — reicht das möglicherweise nicht.

Brasilien-Quoten: Überteuert oder unterschätzt?

Brasilien wird bei der WM 2026 mit Quoten zwischen 9,00 und 12,00 auf den Titel gehandelt — hinter Argentinien, Frankreich und England, aber vor den meisten europäischen Teams. Das entspricht einer impliziten Wahrscheinlichkeit von 8 bis 11 Prozent. Meine Analyse sieht Brasiliens tatsächliche Titelwahrscheinlichkeit eher bei 5 bis 7 Prozent — was bedeutet, dass die Quoten die Seleção systematisch überbewerten. Der „Brasilien-Bonus“ in den Quoten — ein Aufschlag, den die Marke „Brasilien“ automatisch erzeugt — liegt bei geschätzten 2 bis 3 Prozentpunkten und ist das Produkt sentimentaler Wetten von Millionen brasilianischer Fans weltweit, die bei jeder WM auf ihre Mannschaft setzen. Diese massive Liquidität drückt die Quoten nach unten — unabhängig von der tatsächlichen Leistung.

Wo kein Value liegt: WM-Titel unter 10,00. Die Formkrise, das Mittelfeld-Vakuum und die fehlende Turniererfahrung der neuen Generation machen Brasilien zu einem Risiko-Investment mit negativem Erwartungswert. Wo möglicherweise Value liegt: „Brasilien scheidet in der Gruppenphase oder im Achtelfinale aus“ — Quoten um 3,50 bis 4,00, die die reale Möglichkeit eines frühen Scheiterns widerspiegeln. In der Qualifikation hat Brasilien gegen Teams wie Paraguay und Venezuela verloren — die Vorstellung, dass Marokko oder Schottland in der Gruppenphase eine Überraschung schaffen, ist nicht abwegig. Ein Gruppenaus wäre die größte Schlagzeile der WM — und genau solche Szenarien sind es, die der Wettmarkt tendenziell unterbewertet, weil sie für die breite Masse „undenkbar“ sind.

Der interessanteste Markt für analytische Wettfans ist Vinícius Junior als Torschützenkönig. Die Quoten liegen bei 10,00 bis 15,00 — ein Preis, der das Talent widerspiegelt, aber auch die Tatsache, dass Vinícius bei Brasilien nicht die gleiche Torquote hat wie bei Real Madrid. Bei der WM 2022 erzielte er ein Tor in fünf Spielen — eine Quote, die für einen Torschützenkönig-Kandidaten deutlich zu niedrig ist. Wenn Brasilien weit kommt, wird Vinícius Tore erzielen — die Frage ist, ob Brasilien weit genug kommt, damit seine Tore ins Gewicht fallen. Und genau diese Abhängigkeit von einer Bedingung, die unsicher ist, macht die Wette bei 10,00 zu einem akzeptablen Spekulations-Trade, nicht aber zu einer Value-Wette.

Ein alternativer Wettansatz für Brasilien-Skeptiker: „Brasilien erzielt weniger als 7 Tore in der Gruppenphase“ — ein Nischenmarkt, der bei einigen Anbietern verfügbar ist und Brasiliens offensive Probleme ausnutzt. In der Qualifikation erzielte Brasilien in 18 Spielen nur 21 Tore — 1,17 pro Spiel. Selbst mit der zu erwartenden Steigerung bei einem WM-Turnier deutet die Statistik auf ein Team hin, das Spiele nicht offensiv dominiert. Gegen Marokko und Schottland — beide defensiv stark und taktisch diszipliniert — sind Torfestivals unwahrscheinlich, und selbst das Haiti-Spiel könnte weniger einseitig verlaufen, als die Kaderqualität vermuten lässt. Gegen Haiti ist ein deutlicher Sieg zu erwarten, aber der könnte durch die taktischen Probleme im Spielaufbau weniger deutlich ausfallen als die individuelle Qualität vermuten lässt. Die Summe aus drei Gruppenspielen könnte bei fünf bis sieben Toren liegen — ein Bereich, der für „Unter“-Wetten spricht.

Saudade am Platz: Was Brasiliens Krise für österreichische Wettfans bedeutet

Brasilien bei der WM 2026 ist ein Team im Umbruch, das zwischen zwei Identitäten pendelt: der glorreichen Vergangenheit und einer unsicheren Gegenwart. Die Seleção hat das Talent für ein Viertelfinale, aber die strukturellen Probleme für ein früheres Scheitern. Für österreichische Wettfans, die einen analytischen Quotenvergleich suchen, bietet Brasilien vor allem eines: die Warnung, dass große Namen nicht gleich große Leistungen sind. Die Quoten auf Brasilien enthalten einen sentimentalen Aufschlag, der rational nicht gerechtfertigt ist — und genau diesen Aufschlag kann man als analytischer Wettfan ausnutzen, indem man gegen die romantische Erzählung des sechsten Sterns wettet statt für sie.

Ein letzter Punkt, der Brasiliens WM-Bewertung beeinflusst: die Fan-Unterstützung in den USA. Die brasilianische Diaspora in Nordamerika zählt über zwei Millionen Menschen, und die Stimmung in Stadien mit brasilianischer Präsenz — erfahren bei der Copa América 2024 und bei Freundschaftsspielen in den USA — ist elektrisierend. In Städten wie Miami und New York wird die brasilianische Unterstützung nahezu ein Heimspiel simulieren. Dieser atmosphärische Vorteil ist bei WM-Turnieren messbar: Teams mit starker Fan-Unterstützung gewinnen laut Studien 5 bis 8 Prozent häufiger als in neutraler Atmosphäre. Für Brasiliens Gruppenphase könnte das den Unterschied zwischen einem knappen Sieg und einem Remis ausmachen — und damit zwischen Gruppensieg und Gruppenzweiter. Wer in der Gruppenphase die falschen Automatismen entwickelt — etwa zu defensives Aufbauspiel aus Angst vor Kontern —, kann diese Muster in der K.o.-Runde nicht mehr korrigieren. Brasiliens historische Stärke bei WM-Turnieren basierte auf offensiver Dominanz in der Gruppenphase, die Selbstvertrauen für die K.o.-Runde aufbaute. Ohne diese Dominanz fehlt das Fundament, auf dem Titel gebaut werden.

Die praktische Empfehlung für die WM 2026: Brasilien in der Gruppenphase genau beobachten, bevor man K.o.-Runden-Wetten platziert. Die Aufstellungen und die taktische Ausrichtung der ersten zwei Spiele — gegen Haiti und Marokko — werden zeigen, ob der Trainer eine Lösung für das Mittelfeld-Vakuum gefunden hat. Wenn Brasilien gegen Marokko dominiert und mehr als ein Tor erzielt, ändern sich die Parameter. Wenn Brasilien gegen Marokko müht und auf einen knappen Sieg oder ein Remis hofft, bestätigt das die Skepsis. Die Daten der Gruppenphase sind bei Brasilien wichtiger als bei jedem anderen Team — weil die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität bei keiner anderen Mannschaft so groß ist.

In welcher Gruppe spielt Brasilien bei der WM 2026?

Brasilien spielt in Gruppe C mit Marokko, Haiti und Schottland. Die Gruppe ist anspruchsvoller als sie klingt — Marokko als WM-Halbfinalist 2022 ist ein ernsthafter Gegner für den Gruppensieg.

Ist Brasilien ein realistischer WM-Titelkandidat?

Die Quoten zwischen 9,00 und 12,00 positionieren Brasilien als Außenseiter unter den Topfavoriten. Die schwache Qualifikation, das Mittelfeld-Vakuum und der unvollendete Generationswechsel sprechen gegen eine realistische Titelchance. Ein Viertelfinale ist das wahrscheinlichste Positivszenario.

Spielt Neymar bei der WM 2026?

Neymars Teilnahme ist unsicher. Mit 34 Jahren und einer Serie schwerer Verletzungen in den vergangenen drei Jahren ist seine Fitness ein großes Fragezeichen. Die Seleção hat den Umbruch weg von der Neymar-Abhängigkeit eingeleitet, und Vinícius Júnior ist der neue Anführer im Angriff.